St. Georg Dessau


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Monatsgedanken

Allgemeines

Oktober 2025

Geduld haben und hinschauen


Geduldsfaeden zum Mitnehmen! - diesen handschriftlichen Hinweis fand ich neulich auf einem Blatt Papier an einem Laternenmast. Darunter gab es bunte Baumwollfaeden - also Geduldsfaeden - zum Abreissen und Einstecken. Eine wunderbare Idee mit einem Augenzwinkern und eigentlich genau das, was die Welt derzeit braucht. Geduld!

Die Welt scheint sich gerade schneller zu drehen, als ihr gut tut. Katastrophen und schreckliche Ereignisse ueberschlagen sich, es braucht viel Geduld auf heilende Veraenderung. Zur Zeit Jesu warteten die Menschen auch auf heilsame Veraenderung. Die Worte und Bilder Jesu, sein Handeln und seine Zuwendung zu den Menschen, weckte in ihnen die Sehnsucht nach Gottes neuer Welt, seinem neuen Reich. Pausenlos warteten sie darauf, dass dieses Reich endlich anbrechen moege. Sogar die Pharisaeer, die sich sonst nicht gern der Gedankenwelt Jesu anschlossen, warteten auf das Reich Gottes und haetten gerne gewusst, wann mit dem Anbrechen der neuen Welt zu rechnen sei.

Die Antwort Jesu mag alle Fragenden damals genauso verbluefft haben wie uns heute: Das Reich Gottes ist mitten unter euch! Moment mal - wo und an welcher Stelle dieser Welt, soll sich das Reich Gottes befinden? Augenscheinlich ist doch wohl das Gegenteil sichtbar. Die Realitaet, die wir alle jeden Tag vor Augen haben, deckt sich doch an keiner Stelle mit der Vorstellung vom Reich Gottes. Die Idee Gottes fuer seine Welt und unser Leben war schon immer darauf ausgelegt, genau hinzuschauen und immer wieder einen zweiten Blick zu wagen. Wenn man sich die Zeit nimmt und genau hinschaut, dann kann man tatsaechlich deutliche Spuren des Gottesreiches in unserer Welt und in unserem Leben erkennen. Diese Spuren sind nicht schrill und plakativ, manchmal braucht man mehr Herz als Auge, um sie zu sehen. Aber sie sind sichtbar: Da, wo es zur Versoehnung kommt; da, wo ein Laecheln mehr ist als ein Wort; da, wo eine ausgestreckte Hand neu ins Leben fuehrt.

Und vor allem dort, wo Menschen sich zum gemeinsamen Beten, Singen und Feiern verabreden; dort, wo das Wort Gottes die hoechste Prioritaet hat. Um das Reich Gottes in dieser Welt zu sehen, braucht es manchmal Geduld und starke Geduldsfaeden. Einander mit Geduld zu begegnen und zur Geduld zu ermutigen, ist schon ein Schritt auf das Reich Gottes zu.

Ihre Pfarrer Andreas Janssen


November 2025

Suchen und Wiederfinden


Etwas zu verlieren ist ein komisches Gefuehl. Man schwankt irgendwo zwischen Panik, Wut und Verzweiflung. Je laenger die Suche dauert, desto groesser wird der Frust. Manchmal geht es nur um kleine Dinge wie das Klebeband, das man gerade verlegt hat oder einen Ohrring, der ploetzlich verschwunden ist. Ein anderes Mal sind es Dinge, die so wichtig sind, dass man sie eigentlich immer benoetigt, wie die Brille oder der Schluesselbund. Gluecklicherweise sind diese Dinge zumeist naeher, als man es im ersten Moment der Panik vermutet. Aber Verluste gibt es auch im Grossen, wie bei einer Veranstaltung, wenn eine Gruppe auseinandergerissen wird und sich in alle Richtungen verteilt.

In gewisser Weise erlebt auch Ezechiel als Prophet etwas aehnliches - nicht im Kleinen, sondern im grossen Massstab der Geschichte. Das Volk Israel wurde ins babylonische Exil verschleppt, fern der Heimat, zerrissen und verstreut. Einer von ihnen ist Ezechiel. Er lebt weit weg von Jerusalem, und die Sehnsucht nach dem Verlorenen - der Heimat und der Gemeinschaft - ist gross. Er hat gerade erst erfahren, dass der Tempel in Jerusalem von den Babyloniern zerstoert wurde. Doch dieses im ersten Moment schreckliche Ereignis bringt ihm Hoffnung und die Zusage Gottes: "Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurueckbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache staerken." (Ezechiel 34, 16)

Dieser Vers bringt nicht nur Ezechiel Hoffnung, sondern ist bis heute auch fuer uns eine kraftvolle Zusage. Gott gibt uns damit den Zuspruch, dass er sieht, wenn wir uns verloren fuehlen, und weiss, wenn wir gerade nicht den richtigen Weg einschlagen. Er weiss auch ganz genau, welche Wunden wir mit uns herumtragen, selbst dann, wenn sie fuer keinen anderen sichtbar sind. Gott gibt uns, wie auch Ezechiel, die Hoffnung, dass er uns in seiner Fuersorge suchen wird.

Die Erkenntnis ist eigentlich ganz schlicht, aber sie kann viel bewegen, wenn man sie fuer sich annimmt: Wir duerfen auf Gott vertrauen, auch wenn wir uns verloren oder schwach fuehlen. Er sucht uns, findet uns, und ist unsere innere Staerke. Bei ihm sind wir niemals wirklich verloren - selbst dann nicht, wenn es sich gerade so anfuehlt.

Hana Denecke


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